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Das Araberdorf auf dem Killesberg - die Weißenhofsiedlung in Stuttgart

Die konservativen Schwaben erregten sich vor achtzig Jahren, als in ihrem schönen Stuttgart eine ganze Siedlung topmoderner Häuser errichtet wurde. Heute gilt die Weißenhofsiedlung auf dem Killesberg als wegweisendes Architekturdenkmal des Bauhaus.

Ein „Araberdorf“ sei das, schimpften die Zeitungen, ein „Klein-Jerusalem“ und ein „Schandfleck für die Stadt“. Die weißen Betonquader passten nicht wirklich in das beschauliche Stuttgart unter den Nationalsozialisten. Aus Holz sollte ein Haus eben gebaut sein, mit einem Giebel und möglichst einem Gartenzaun drumherum. Alles andere schmähten die braunen Machthaber als entartet, wenn überhaupt. Und so wäre die Stuttgarter Weißenhofsiedlung nur etwas mehr als ein Jahrzehnt nach ihrem Bau im Jahr 1927 beinahe wieder niedergerissen worden. Paradoxerweise rettete ausgerechnet der Beginn des Zweiten Weltkrieges die Siedlung, aber auch nur vorläufig.

Heute gilt sie als wegweisendes Architekturdenkmal. Wer durch die Siedlung spaziert, kommt kaum auf die Idee, dass die Gebäude schon echte Greise sind, so sehr haben sie die Nachkriegsbauweise beeinflusst, an die man sich längst gewöhnt hat. Schlichte, eckige Formen und Flachdächer waren nur in den goldenen Zwanziger Jahren eine Provokation für die traditionsbewusste Architekturgesinnung; heute hingegen ist das bestenfalls normal, wenn nicht schon beinahe wieder veraltet.

Dabei liest sich die Liste derjenigen, die die Weißenhofsiedlung planten, wie das Who-Is-Who der damaligen Architektur-Moderne. Walter Gropius baute ebenso auf dem Killesberg wie der französisch-schweizerische Stararchitekt Le Corbusier oder Ludwig Mies van der Rohe, der das Bonmot „Weniger ist mehr“ geprägt hat. 17 international angesehene Bauhaus-Architekten präsentierten ein neues Wohnprogramm, das alles bisher Dagewesene auf den Kopf stellte - eine Siedlung aus 21 puristischen Häusern mit insgesamt 63 Wohnungen, in bester Lage am Stuttgarter Killesberg. Möglichst einfach und schlicht sollte alles sein. Mit flexiblen Grundrissen versuchte man eine maßgeschneiderte Wohnung in einer von Licht und Luft durchtränkten Atmosphäre zu schaffen. Dabei sollte ein Minimum an Form dem modernen Menschen ein Maximum an Freiheit geben. Beim Bau experimentierten sie mit neuen Materialien ebenso wie mit neuartigen Konstruktionsmethoden, wie der Skelettbauweise.

So viel Experiment war ihren tradierten Kollegen in der Architektenzunft zu viel Wagnis. Allen voran Paul Bonatz, der Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofes, sparten sie nicht mit Kritik an der Weißenhofsiedlung. Und so nahm es auch nicht Wunder, dass die Siedlung unter den Nationalsozialisten als entartete Kunst geschmäht wurde. Tatsächlich umgesetzt haben die Nazis ihre Pläne für den Abriss der Siedlung freilich nie. Und dennoch wurde die Weißenhofsiedlung letztlich ein Opfer der Nationalsozialisten. Aufgrund der exponierten Lage hatte die Regierung auf dem Killesberg Flugabwehr-Geschütze errichtet, um Stuttgart gegen die Angriffe der Flieger zu verteidigen. Und so waren es die Bomben der Alliierten, nicht die der Nazis, die fast die Hälfte der Siedlung zerstörten; und nur, was der Krieg vom „Araberdorf“ übrig ließ, wurde im neuen demokratischen Deutschland zu einem Denkmal für richtungsweisende Architektur.

Im Juli dieses Jahres soll im sanierten Le Corbusier-Haus das neue Weißenhof-Museum eröffnet werden. Künftig soll das Gebäude einer Doppelfunktion nahe kommen: als Ausstellungsgebäude, in dem die Besucher die Geschichte der Weißenhofsiedlung betrachten können, sowie als begehbares Exponat seiner selbst. Die Visionen Le Corbusiers, seine variablen Grundrisse und flexiblen Wohnräume werden dieses Jahr in der Weißenhofsiedlung wieder lebendig.

 
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