Karlsruhe (dpa/lsw) Für die Krebsforschung kann ihre Neuentdeckung ein wichtiges Puzzleteil zum besseren Verständnis der Krankheitsverläufe sein. Die Biochemikerin Alexandra Schambony von der Karlsruher Universität (TH) hat einen neuen, sogenannten Signalweg entschlüsselt, über den Zellen miteinander kommunizieren.
"Das funktioniert wie bei dem Signal einer Ampel", erklärt die 36- Jährige. "Bei Rot stehen, bei Grün gehen Zellen reagieren auf innere und äußere Reize ähnlich." Auf diese Weise werden im Körper beispielsweise Blutdruck, Hormonwirkung oder auch der Geruchssinn gesteuert. Das Zusammenspiel der Zellen erkundet Schambony mit ihrem Projektteam am Karlsruher Institut für Zoologie II seit 2001. Auf diesem Forschungsgebiet gibt es noch viel zu entdecken. "Es ist, als ob wir mit Kinderaugen ein Auto betrachten", schmunzelt Schambony. "Wir sehen, das Ding fährt. Wissen aber nicht, warum."
Im Jahr 2004 kam die Biochemikerin einem faszinierenden Phänomen auf die Spur. Schambony entdeckte an Embryonen des Krallenfroschs (Xenopus) einen bislang unbekannten Signalweg, der die Bewegung von Zellen steuert. Den aber zu entschlüsseln, war ein hartes Stück Arbeit. Drei Jahre dauerte es, bis Schambony ihre Ergebnisse im Mai 2007 in der Fachzeitschrift "Developmental Cell" veröffentlichen konnte.
Der neue Signalweg ist nach den beteiligten Proteinen "Wnt- 5a/Ror2" benannt. In den Embryozellen des Krallenfroschs hat dieses Signal das Gen XPAPC (Paraxiales Protocadherin) aktiviert. Die Folge: Dieses Gen wirkt wie ein Autopilot, der die Ausrichtung eines Vehikels steuert. "Mit dem von uns identifizierten Signalweg sind neue Rückschlüsse möglich, wie und warum Zellen im Organismus wandern", sagt Schambony.
Diesen Migrationsvorgang vergleicht die Biochemikerin mit einer Autobahn. "Der Verkehr fließt nach bestimmten Regeln und Leitsystemen, die den Autofahrern sagen, wann sie wie und wohin zu fahren haben", erklärt Schambony. So müsse es auch für Zellen ein übergeordnetes Netzwerk geben, das ihnen das Signal zum Start in eine bestimmte Richtung gibt. "Aber dieses Phänomen verstehen wir bislang nur teilweise", sagt Schambony. Werden durch einen Reiz im Organismus defekte Zellen auf den Weg gebracht, können die Auswirkungen fatal sein. "In etwa vergleichbar mit Geisterfahrern auf der Autobahn oder Fahrern, die keine Schilder lesen können", erklärt Schambony. "Die Folge sind Unfälle oder Staus sprich: Fehlentwicklungen oder Krankheiten."
Defekte in einem Protein des von Schambony entschlüsselten Weges, Ror2, führen zu Erbkrankheiten wie der Kurzfingrigkeit (Brachydaktylie) oder dem Robinow-Syndrom (Minderwuchs). Auf Grundlage des neuen Signalwegs werden aber auch in der Krebsforschung neue Erkenntnisse über Entstehung und Entwicklung von Metastasen erwartet. "Je besser wir die Mechanismen solcher Krankheiten verstehen, umso gezielter und wirkungsvoller kann man ihrer Entstehung entgegenwirken und sie bekämpfen", sagt Schambony.
Doch der neu entschlüsselte Signalweg ist nur einer unter vielen die die Vorgänge im Organismus steuern. Derzeit forscht die 36- Jährige an drei weiteren Signalwegen, deren Wechselwirkungen noch ungeklärt sind. "Das Forschungsgebiet ist wie ein Puzzle mit unzähligen Teilen", erklärt Schambony: "Ist eine Frage gelöst, ergeben sich tausend neue."
Quelle: Bayer